mehrere Lagen Packpapier in verschiedenen Formen zur Herstellung von Kleidungsstücken
Schnittmuster für sieben Kleidungsstücke, Packpapier, 1990-2016, Leihgabe Marion Czyzykowski

 

Kreativ. Individuell. Auf Maß.

Die Maßschneider-Meisterin Marion Czyzykowski

Die Lagen der Schnittmusterbögen sind durch Fäden zusammengefasst und ergeben so eine Collage abstrakter Formen mit großen und kleinen Schwüngen, rechten Winkeln, schmalen und breiten Teilen. Die Vielzahl der einzelnen Teile lässt den Aufwand erahnen, der für die Anfertigung der sieben maßangefertigten Kleidungsstücke nötig ist. Zunächst aber erfolgen andere wichtige Arbeitsschritte, welche die Maßschneiderei ausmachen: eine ausführliche Beratung, die Stoffauswahl und das genaue Maßnehmen. Nun kommen die Papierbögen zum Einsatz, um die benötigten Stoffteile auf den Stoff zu übertragen und auszuschneiden. Je nach Schnitt des Kleidungsstücks variiert die Zahl der benötigten Teile. Im Gegensatz zur Massenware „von der Stange“, sind hier alle Maße dem Körper genau angepasst und werden handwerklich exakt zusammengefügt, sodass das fertige Kleidungsstück am Ende perfekt passt.

„Ich saß tagelang unter der Nähmaschine meiner Oma. Ich habe es geliebt.“

Dies macht die Schnittmusterbögen zu einem treffenden Symbol für die Arbeit von Maßschneider-Meisterin Marion Czyzykowski, die in ihrem Atelier in der Richardstraße seit 1997 individuelle Einzelstücke anfertigt. Sie hat viele Stammkund*innen, die Wert auf hochwertige Maßarbeit legen, zum Teil aber auch im Handel nichts für sie Passendes finden können. Marion Czyzykowski fertigt verschiedenste Kleidungsstücke, von der Bluse bis zum Mantel, arbeitet aber auch für Theater und andere Auftraggeber. Gelernt hat sie ihr Handwerk in der DDR, wo sie zunächst Dekorateurin werden wollte. Da dieser Beruf dort Männern vorbehalten war, entschied sie sich für das Schneiderhandwerk. Einen Bezug zum Nähen hatte sie bereits durch ihre Großmutter, die es ihr beibrachte, lange bevor sie ihre Lehre begann. Auch ihren Meister machte Marion Czyzykowski, bevor sie 1979 die DDR verließ und nach Neukölln zog. Viele Maßschneidereien fand sie in West-Berlin nicht vor und machte sich schließlich 1991 selbstständig. Ihre Arbeit erlaubt ihr einen engen Kontakt zu ihren Kund*innen, die sie ausführlich berät und oft seit Jahren kennt. Sie kann auf einen großen Fundus teils historischer Stoffe zurückgreifen, denen sie mit eigenen Dessins neues Leben einhaucht. Hier wird deutlich, dass nicht nur handwerkliches Können, sondern auch Kreativität und innovative Ideen Bestandteil ihrer Arbeit sind.

 

Schneiderin beim Zuschneiden von Stoff in ihrem Atelier
Marion Czyzykowski in ihrem Atelier, 2019, Filmstill von Anna Caroline Arndt und Ralph Etter

Neben der klassischen Anfertigung von Einzelstücken bietet Marion Czyzykowski in ihrem Atelier und bei der Berliner Volkshochschule Nähkurse für verschiedene Teilnehmergruppen an. In Schulen hat Marion Czyzykowski mit vielen Kindern gearbeitet. Auch Puppen fürs Puppentheater und echte Pferde hat sie für Aufführungen bereits eingekleidet, was gänzlich andere Formen für die Schnittmuster nötig machte. In ihren Kursen erlebt sie die aktuelle Begeisterung von Laien fürs Nähen, was sie mit Freude begleitet. Den Rückgang des traditionsreichen Maßschneider-Handwerks dagegen bedauert sie: immer mehr Kolleg*innen gäben auf, es gebe wenig Nachfolger*innen. Und das, obwohl gerade zu Zeiten der billigen Massenware individuelle Stücke wieder an Wert gewinnen.