grauer Rock mit unterschiedlichsten Näh- und Ornamenttechniken
Musterrock, 1940, Baumwollstoff mit Knöpfen und Stoffaufsätzen, L: 59 cm, Taille: 70 cm, Saum: 94 cm, Sammlung Museum Neukölln

 

Vom Können der Schneider:

Paspel, Zickzack und die Quetschfalte

Dieser Musterrock ist das Gesellenstück von Hildegard Budzynski, die als Siebzehnjährige ihre Lehre zur Damenschneiderin bei Clara von Petersdorff in Adlershof beendete. Mit ihrer Arbeit bewies die angehende Schneiderin, dass sie die verschiedenen Nähtechniken beherrschte, die sie vor allem mit der Nähmaschine ausgeführte. Ihr Können zeigte die junge Auszubildende bei drei verschiedenen Öffnungen mit verdecktem Reißverschluss, Verschluss mit Knopfleiste und Verschluss mit verdeckten Druckknöpfen. Sie hat drei verschiedene Taschen eingearbeitet: eine Paspeltasche, eine eingesetzte Tasche mit Taschenleiste und eine mit Klappe. Die Quetschfalte, die aufspringende Falte und die einseitig gelegten Falten sind ebenso am Rock ausgeführt. Hildegard hat drei Flicken ein- und mehrere Knöpfe mit unterschiedlichen Techniken bezogen und durch verschieden eingefasste Knopflöcher geknöpft. Die Stoffkanten auf der Innenseite sind zum Teil paspeliert, zum Teil mit Zickzackstich geendelt.

Mit ihrem Gesellenstück zeigte die angehende Maßschneiderin, was ihren Beruf ausmacht: Präzision, Sorgfalt und Geduld gehören dazu. Handwerkliches Geschick und gestalterisches Können sind ebenso wichtig. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Arbeitsschritte vom ersten Kundengespräch bis zum fertigen Produkt sind gleichgeblieben. Die Auszubildenden von heute lernen, die Körpermaße ihrer Kund*innen mit einem Maßband aufzunehmen. Modern ausgestattete Ateliers haben sogar einen Körperscanner, der die Maße digital erfasst.

Die Maßschneider*in erfragt die Wünsche ihrer Kund*innen und berät bei der Stoffauswahl. Sie zeichnen den Schnitt und übertragen das Schnittmuster auf den Stoff. Für die Näharbeiten muss man Geduld aufbringen, die Produktionsdauer eines Anzugs beträgt etwa vier bis fünf Wochen. Zur Arbeit der Maßschneider*innen gehört ebenso die Reparatur oder Anpassung von Kleidungsstücken. Die Ausbildung zur Maßschneider*in kann man mit jedem Schulabschluss beginnen, mehr als 50 Prozent der Auszubildenden verfügten 2018 über das Abitur oder die Fachhochschulreife. Für einige ist die Ausbildung auch ein Einstieg in ein Designstudium. Um mit einem eigenen Label erfolgreich zu sein, stellt es eine gute Grundlage dar, die grundlegenden Handwerkstechniken zu beherrschen.