„Ihr Fleiß und Betragen waren gut.“ 

Auf den Spuren einer Schneiderin 

In der Sammlung des Museums Neukölln befindet sich der Teilnachlass der Neuköllnerin Hildegard Thonke, geb. Budzynski. Durch die hinterlassenen Dokumente und Zeugnisse lässt sich ein Teil ihres Ausbildungsweges und Arbeitslebens rekonstruieren.

Hildegard war fünfzehn Jahr alt, als sie sich 1937 dazu entschied, eine Lehre zur Damenschneiderin zu machen. In der Werkstatt der Maßschneidermeisterin Clara von Petersdorf in Adlershof fand sie eine Lehrstelle. Aus ihrem Lehrvertrag ist ersichtlich, dass die noch Minderjährige keinen Anspruch auf Wohnung, Unterhalt, Beköstigung oder Arbeitskleidung hatte. Das Mädchen wohnte nach wie vor bei ihren Eltern in Eichwalde. Der Weg zur Lehrstätte in Adlershof war nicht weit, aber um die zuständige Berufsschule für Schneiderinnen in Kreuzberg zu erreichen, musste Hildegard eine lange Fahrzeit einplanen. Im Schneideratelier erlernte sie alle nötigen Techniken, um 1940 erfolgreich die Lehrzeit abzuschließen. Der Unterricht an der Berufsschule umfasste neben der Fachkunde auch Rechnen und Gemeinschaftskunde sowie Kranken- und Säuglingspflege und auch Leibesübungen.

 

 

Hildegard beendete ihre Ausbildung nach den obligatorischen drei Jahren. Wie alle jungen Menschen zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr im nationalsozialistischen Deutschland erhielt sie 1940 die Aufforderung zur Musterung zum Reichsarbeitsdienst (RAD). Dieser halbjährige Zwangsdienst galt seit Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 auch für junge Frauen. Ziel des NS-Regimes war es, die Jugend „kriegsfähig“ zu machen. Dazu arbeitete sie an der Urbarmachung von Land, am Straßenbau oder in der Landwirtschaft. Untergebracht wurden die Arbeitsmänner und Arbeitsmaiden in eigenen RAD-Lagern. Bevor Hildegard diesen Dienst antreten musste, arbeitete sie noch ein Jahr für ihre frühere Meisterin Clara von Petersdorff. Im Arbeitszeugnis wird ihr guter Fleiß und Betragen bescheinigt. Anschließend musste Hildegard ins Lager 10/43 nach Joachimsthal zum Arbeitsdienst einrücken. Ob die junge Frau nach ihrer Entlassung aus dem RAD wieder als Schneiderin tätig war, ist nicht bekannt. Hildegard lernte den Soldaten Erich Heinze kennen, die beiden heirateten. Wie sie den Krieg überlebte, wissen wir nicht. Sie musste allerdings die traurige Nachricht des Todes ihres Mannes verarbeiten. Unteroffizier Heinze starb 1945 wenige Tage nach Kriegsende an den Folgen eines Lungensteckschusses. Hildegard fand eine Anstellung als Maschinennäherin in einer Damen- und Kinderkleiderwerkstatt in der Friedelstraße 37 in Neukölln. Und sie lernte ihren zweiten Ehemann kennen, mit dem sie einen Sohn und eine Tochter hatte. Mit ihrer Familie lebte sie in der Heidelberger Straße in Neukölln.

Über ihren weiteren Lebensweg verraten die Dokumente, die im Archiv erhalten geblieben sind, nichts. Wir können ihr Leben nur bruchstückhaft nacherzählen.