Von Tuffstein bis Striegauer Granit:

Seibert Steinmetz und Steintechnik 

Der Stuhl aus Tuffstein setzt sich aus schlichten kubischen Formen zusammen. In ihm steckt jede Menge Arbeit. 40 Arbeitsstunden benötigte der Steinmetz-Auszubildende, um das Vulkangestein zu bearbeiten. Elektrische Werkzeuge waren nicht zugelassen. Als Gesellenstück bezeugt der Stuhl den erfolgreichen Abschluss der Gesellenprüfung. 

Andreas Seibert betreibt einen der wenigen Steinmetzbetriebe in Berlin, der noch ausbildet. Der Rückgang der Auszubildendenzahlen liegt daran, dass es in Berlin keine Berufsschule mehr gibt. Um die Berufsschule zu besuchen, müssen seine Lehrlinge zum sechswöchigen Blockunterricht ins niedersächsische Königslutter fahren. Von seinen Gesellen ist nur einer als Mitarbeiter im Betrieb geblieben. Ein zweiter kommt für größere Aufträge als externe Kraft hinzu. Nicht alle Azubis vollenden die Ausbildung. Viele, die ihre Ausbildung beenden und schon ein Abitur in der Tasche haben, gehen direkt in die Meisterschule. Andreas Seibert sieht einen Zusammenhang zwischen einer steigenden Abiturientenquote, dem Fokus auf das Abitur in den Integrierten Sekundarschulen und der aktuellen Situation in seinem Gewerk.

Er ist der Meinung, das dreigliedrige Schulsystem habe früher eine bessere Vorbereitung aufs Handwerk gewährleistet. Von der Politik wünscht sich Andreas Seibert mehr Unterstützung für das Handwerk insgesamt. Jene Betriebe, die noch ausbildeten, erführen zu wenig Wertschätzung. 

„Wir brauchen nicht nur Unternehmer, wir brauchen auch ausführende Handwerker. Was nützt ein Unternehmer, wenn er kein Personal hat?“ 

Sein eigener Weg in den Steinmetzberuf war kein geradliniger. Nach der 10. Klasse schloss er zunächst eine Elektromechaniker-Ausbildung bei der AEG ab. Der Umgang mit Installationstechnik in verborgenen Schaltschränken war ihm jedoch zu abstrakt und der handwerkliche Wert zu wenig sichtbar. Die Funktion der Technik stand im Vordergrund, die Mühe der Installationsarbeiten blieb unbemerkt. So schulte er nachträglich mit Mitte 20 auf den Beruf des Steinmetzes um, dessen ästhetisch wertvolle Endprodukte mehr seiner Vorstellung einer handwerklichen Tätigkeit entsprachen. Nach Tätigkeiten im Baugewerbe, arbeitete er selbst als Bauleiter für eine größere Baufirma. Nebenbei lief bereits die Anmeldung für die Techniker– und Meisterschule im fränkischen Wunsiedel. Dort wurde er 1994 nach vier Jahren Wartezeit zugelassen. Das bedeutete den Besuch einer Ganztagsschule für zwei Jahre, ehe er den Abschluss eines staatlich geprüften Steintechnikers in der Tasche hatte. Die staatliche Schule war kostenlos, trotzdem musste er seinen Lebensunterhalt bestreiten und die Meistergelder wurden ausgerechnet in diesem Jahr ausgesetzt. Ein hoch verzinstes Berufsförderungsdarlehen war die einzige Möglichkeit. Der Bildungsgang beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit Treppen- und Fassadenbau. Zusätzlich konnte er durch spezielle Kurse den Meisterbrief im Steinmetzhandwerk erwerben.  

Christoph Kleinert, 2019, Filmstill von Anna Caroline Arndt und Ralph Etter

Mit einer Schuldenlast durch seine Ausbildung startete Seibert seine Selbstständigkeit mit seiner Steintechnikfirma. Als Werkstatt und Lagerraum mussten zunächst zwei Garagen in Kreuzberg genügen. Seit 1999 ist das Unternehmen in Britz ansässig, wo Andreas Seibert Wohnen und Gewerbe auf eigenem Grund und Boden verwirklichen kann. Er profitiert von der optimalen Verkehrsanbindung in Britz und einem guten Austausch mit den Nachbar*innen, die den Geräuschpegel der Steinwerkstatt tolerieren. Die Leistungen seiner Firma umfassen Küchenarbeitsplatten, Außen- und Innentreppen bis zu kompletten Badausstattungen. Aber auch komplexe Großaufträge in der Denkmalpflege werden von dem kleinen Betrieb fachmännisch ausgeführt.

 

2004 erhielt Andreas Seibert den Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege. Aktuell führt der Betrieb die Steinmetzarbeiten und insbesondere die Instandsetzung der historischen Treppenanlagen im Kaiserlichen Postfuhramt von 1881 in Mitte aus, wo Originalgestein, der ehemals ostpreußische Striegauer Granit, „das preußische Hausgestein“, zum Einsatz kommt. Der Baubereich ist für Steinmetzbetriebe heute noch lukrativ, reine Grabmalbetriebe müssen zunehmend um ihre Existenz bangen.