bunte Plastikfiguren von Playmobil mit Schubkarre, Bierkästen, Verkehrsschildern

Playmobil- Baustelle, Kunststoff, 1974, Leihgabe Viola Dollinger-Rauch

Von feuchten Gesellen und eingemauerten Flaschen

„Das ist heute schon meine fünfte Flasche.“ sagt der Playmobil-Bauarbeiter, der auf einem Bierkasten sitzt. „Macht nichts, es ist genug Bier da.“ antwortet ihm sein Kollege. Die eine Hand hält eine Spitzhacke, während er mit der anderen eine kleine grüne Flasche umklammert. Im Hintergrund deuten ein Sandhaufen, ein Schubkarren und Verkehrsschilder an, dass sich die beiden Plastikmännchen auf einer Baustelle befinden. Die Szene stammt aus dem Playmobil-Katalog des Jahres 1974. Das Jugendministerium protestierte gegen diesen so offensichtlich zur Schau gestellten und verherrlichten Alkoholkonsum und die Spielzeugbierflaschen und -kästen verschwanden aus dem Sortiment.

Die Kritik an den biertrinkenden Playmobilmännchen, die je nach Produkt gleich mehrere Bierkästen dabei hatten, hat zwei wichtige Aspekte: zum einen die normative Wirkung auf Kinder, die schon von klein auf mit Bierflaschen spielen und den übermäßigen Genuss von Alkohol unterhinterfragt als Normalität der Erwachsenenwelt akzeptieren. Dieses Verhältnis von Spielzeug und gesellschaftlichen Normen ist heute so aktuell wie in den 1970er-Jahren. Welche Werte wollen wir unseren Kindern vermitteln? Welche Berufe und Rollenbilder werden als erstrebenswert dargestellt? Zum anderen die Zuschreibung des übermäßigen Alkoholkonsums zu einem Berufsstand, dem Handwerk, das so dargestellt wird, als sei es dort die Regel, während der Arbeit übermäßig zu trinken.

Doch das Bild des biertrinkenden Bauarbeiters und Handwerkers scheint fest verankert zu sein in den Köpfen. In einem FAZ Interview im Jahr 2013 äußerte sich Horst Brandstätter, der inzwischen verstorbene Playmobil-Firmeninhaber, zu diesem fragwürdigen Kinderspielzeug: „Na, aber ein Maurer ohne sein Fläschle Bier, das gibt’s doch nicht. Das war damals eben so.“ Und dass das wohl auch heute noch so sei, besingt der Kabarettist und Liedermacher Rainald Grebe in seinem Lied „Handwerk“ von 2014:

„Handwerk hat goldenen Boden,

um neun das erste Bier.

Danach einen Wanddurchbruch,

die Gewährleistung ist garantiert.“

Der Stein des Anstoßes beim Playmobil-Spielzeug, die Bierflasche, ist nicht nur Symbol für alltäglichen Alkoholkonsum, ihre Erfindung trug auch wesentlich dazu bei, dass auf Baustellen (und andernorts) frisches Bier leicht verfügbar wurde.

Davon zeugt ein Ritual der Ofensetzer im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Sie galten als Herren der Baustellen und erschienen stets mit Hut, Schlips und Kragen zur Arbeit. Auf dem Gruppenfoto von Handwerkern von 1899 in Rixdorf sind in der Mitte einige Männer zu sehen, deren Kleidung auf diesen Berufsstand hinweist. Sie hatten den Ruf, „feuchte Gesellen“ zu sein, da sie einerseits feuchten Lehm für ihre Tätigkeit brauchten und andererseits den Staub, der beim Hauen und Schleifen der Ofenkacheln entstand, hinunterspülen mussten. Und das am liebsten mit Bier. Gab es ihrer Meinung nach zu wenig davon auf der Baustelle, ließen sie das den Bauherren spüren: Sie mauerten eine Flasche in den Ofen ein, die bei Betrieb des Ofens ein Pfeifen erzeugt. Dieses Geräusch sollte dem vermeintlichen Geizhals als Mahnung dienen.

Gruppenfoto von Handwerkern in der Lessingstraße, der heutigen Morusstraße. Das Bierfass in der Mitte trägt die Aufschrift „Rixdorf 1899“. Vermutlich wurde es vom Bauherrn zu einem bestimmten Anlass, wie z.B. der Fertigstellung des Gebäudes spendiert. Foto: Museum Neukölln

Eine solche Flasche, aus der Vereinsbrauerei Rixdorf, ist in der Dauerausstellung des Museums Neukölln zu sehen. Sie wurde 1964 in einem Ofen in einem Haus in der Sonnenallee entdeckt, das zwischen 1905 und 1909 errichtet worden war. Bei dieser Flasche handelt es sich um ein Exemplar der Vereinsbrauerei Rixdorf. 1890 wurde in der Brauerei an der Ecke Rollberg- und Hermannstraße ein heute noch beliebtes Getränk entwickelt: das Berliner Kindl. Heute hat hier die Rollberg-Brauerei ihren Sitz. Das Berliner Kindl war eines der ersten Biere nach Pilsner Brauart, das in Deutschland auf den Markt kam. Dabei handelt es sich um ein untergäriges Bier. Dieser Biertyp konnte erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach technischen Entwicklungen wie der Kältemaschine entstehen. Das wiederum war eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Bier aus Flaschen getrunken werden konnte. Denn die bisher üblichen obergärigen Biere schäumten zu stark. Übermäßiger Alkoholkonsum betraf bei weitem nicht nur das Handwerk, sondern vor allem auch die Arbeiter in den neu entstandenen Fabriken. Die Monotonie der Arbeit, Armut und schlechte Wohnverhältnisse begünstigten den Gang in die Eckkneipe oder eben den Griff zur Bierflasche.

 

Die Vorstellung, die Berufsgruppe der Handwerker*innen würden am meisten Alkohol trinken, ist ein immer noch gängiges Stereotyp. Ein Blick in den Ersten Alkoholatlas aus dem Jahr 2017 ergibt ein anderes Bild: so sei der Alkoholkonsum unter Akademiker*innen deutlich höher als der anderer Gruppen, zu denen auch Handwerker*innen gezählt wurden.

Unabhängig vom Beruf birgt Alkoholgenuss bei der Arbeit Gefahren. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geht davon aus, dass mindestens 20 Prozent aller Arbeitsunfälle auf Alkoholeinfluss zurückzuführen sind. Da bleibt den biertrinkenden Playmobil-Männchen nur zu wünschen, dass sie ihren Arbeitstag trotz der fünf Flaschen Bier unfallfrei überstehen. Andernfalls hätten sie Pech: Rettungshubschrauber, Notarztwagen und Krankenhaus waren 1974 noch nicht im Sortiment.