erste Hälfte eines halbkreisförmigen Mosaiks mit Mustern aus Blau, Weiß, Rot und Gold
Mosaik, ohne Jahr, Glas, gefärbt, je 126 x 90 x 3 cm, Sammlung Museum Neukölln

 

Kleine Steine, große Geschichte 

Die Mosaikwerkstätten Puhl & Wagner

Dieses Glasmosaik wurde in den Mosaikwerkstätten der Deutschen Glasmosaik-Anstalt Puhl & Wagner hergestellt. Die Firma wurde 1889 mit Stammsitz in Rixdorf gegründet. Das Unternehmen expandierte rasch. 1903 ließ man sich von Franz Schwechten einen großen Fabrikkomplex entwerfen, von den Neuköllner*innen „Zauberburg“ genannt. Besonders auffällig war der hohe, mit goldenen Mosaiksteinen besetzte Schornstein, der zum Schmelzofen der einzigen Glashütte Berlins gehörte.

 

erste Hälfte eines halbkreisförmigen Mosaiks mit Mustern aus Blau, Weiß, Rot und Gold

Dem Kaufmann August Wagner, dem Chemiker Fritz Puhl und dem Dekorationsmaler Wilhelm Wiegmann gelang es Ende der 1880er-Jahre, Glasmosaike herzustellen. Diese Kunstfertigkeit beherrschte man zuvor ausschließlich in Italien. 1905 wurde das Verfahren zur Herstellung von Mosaikverglasung von Puhl & Wagner patentiert. Die Deutsche Glasmosaik-Anstalt erwarb rasch die Gunst des Kaisers Wilhelm II. Er ordnete an, neue Kirchen mit Mosaiken auszustatten und so kamen von allerhöchster Stelle die Aufträge: Puhl & Wagner stattete die Gnadenkirche, die Kaiser-Friedrich-Gedächtnis- und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche aus, hier dauerten die Arbeiten ganze 14 Jahre.

Im April 1914 fusionierte die Deutsche Glasmosaik-Anstalt Puhl & Wagner mit Gottfried Heinersdorff, Kunstanstalt für Glasmalerei, Bleiverglasungen und Glasmosaik. Beide Firmen hießen nun Vereinigte Werkstätten für Mosaik und Glasmalerei Puhl & Wagner, Gottfried Heinersdorff. Während des Ersten Weltkriegs und danach war die Auftragslage schlecht. Der Schwiegervater von Heinersdorff rettete mit einer Einlage in Höhe von 800.000 Mark die Vereinigten Werkstätten vor der Insolvenz. In den 1920er-Jahren ging es wieder aufwärts, aus aller Welt kamen Aufträge. Das Neuköllner Mosaik wurde im Goldenen Saal des Stadthauses in Stockholm ebenso verbaut wie in Übersee, unter anderem in der Kathedrale in St. Louis und in Bank- und Hotelbauten in New York. Zwischen Wagner und Heinersdorff kam es jedoch zu Konflikten, welchen Visionen – Kunst oder Kommerz, kommerzielle Serienproduktion oder künstlerischer Anspruch – zu folgen sei. August Wagner versuchte, seinen Teilhaber wieder aus der Firma zu drängen. Dies gelang erst nach 1933, nachdem die Nationalsozialist*innen an die Macht kamen. Heinersdorff wurde auf Grundlage der Nürnberger Rassengesetze zum Halbjuden erklärt, Wagner konnte nun die Gesellschafterverträge auflösen lassen. „August Wagner, vereinigte Werkstätten für Mosaik und Glasmalerei“ hieß es von nun an. Die neuen Machthaber bestellten Mosaike und Glasfenster mit nationalsozialistischen Emblemen für ihre großen Bauprojekte. Das Geschäft florierte. Mosaike aus Marmor entwickelten sich im Nationalsozialismus zum bevorzugten Ausstattungselement.

ein Mann mit Brille, Hemd und Hosenträger sitzt an einem Tisch und beugt sich über ein halb fertiges Mosaik, in der Hand hält er eine Pinzette; auf dem Tisch stehen außerdem Schalen mit bunten Glasstücken
Raimund Franke bei der Arbeit, 1960er-Jahre, Foto: Museum Neukölln

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes kam einer der größten Aufträge ausgerechnet von der sowjetischen Militärregierung: der Mosaikfries im Pavillon des 1946 bis 1949 errichteten Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park. Doch die Zeiten wurden schlechter. Mosaikdekor war kaum noch gefragt, Aufträge blieben aus und die italienische Konkurrenz lieferte billiger. Das stetig sinkende Auftragsvolumen führte 1969 zur Aufgabe der Werkstätten und der Liquidation des Unternehmens, die 1965 noch über 50 Mitarbeiter zählte. Am Ende waren es noch zwölf. 1972 wurde das Fabrikgebäude mit seinem markanten Schornstein abgerissen.

Doch die Mosaikkunst ist den Berliner*innen erhalten geblieben. Wir finden bis heute überall in der Stadt verteilt Mosaike, die aus Rixdorf/Neukölln stammen.