marmoriertes, cremeweißes Dokument mit Wasserzeichen der Britzer Mühle
Zeugnis Diplom-Windmüllerin, 2018, Papier, DIN A4, Leihgabe Simone Langenheder

 

Von der Zeitlosigkeit eines alten Handwerks:

Die Britzer Mühle 

Dieses Zeugnis („Getuigschrift“) erlaubt seiner Inhaberin, die Britzer Mühle eigenständig in Betrieb zu nehmen. Simone Langenheder hat die Ausbildung zur Diplom-Windmüllerin bestanden. Verfasst ist das Zeugnis in niederländischer Sprache, da sich die Ausbildung an der niederländischen Gilde der freiwilligen Müller orientiert. Daher stammen auch die meisten Fachbegriffe aus dem Niederländischen. Durchgeführt wird der etwa zweijährige Lehrgang vom Verein Britzer Müllerei.

Seine 44 Mitglieder unter dem Vorsitzenden Johannes Härich kümmern sich ehrenamtlich um Wartung, Pflege und Erhalt der Mühle. Dazu zählt auch die Ausbildung neuer Müller*innen. Prüfungsordnung und Lehrplan wurden von Piet Leeuw entwickelt. Der niederländische Hobby-Müller („Vrijwillige Molenaar“) übernahm nach der Sanierung durch die Grün Berlin GmbH, die bis 1985 erfolgte, die Betreuung der Mühle und regte die Gründung eines Mühlenvereins an. Im aktuellen Ausbildungskurs sind fünf Teilnehmer*innen im Alter von Mitte 20 bis Mitte 70. Es ist keine Berufsausbildung, die meisten betreiben die Windmüllerei als Hobby. Wie der ehemalige Vereinsvorsitzende Michael Schillhaneck, der in seiner langjährigen Tätigkeit für den Verein erfahren hat, wie wichtig diese Arbeit ist. Nur so könne das Wissen dieses alten Handwerks bewahrt und weitergegeben werden, findet er. 

 

Wir bilden aus. Dadurch haben wir den Bogen zwischen dem Modernen und der Tradition. 

Die Britzer Mühle zählt zum Typ der Holländerwindmühlen, die in den Niederlanden entwickelt wurden. Als sie 1865 oder 1866 in Britz erbaut wurde, waren diese Mühlen die modernsten und leistungsfähigsten überhaupt. Nur deshalb konnte die Britzer Mühle in einer Zeit, als bereits Dampfmaschinen verfügbar waren, bestehen. Mit ihren 25 Metern Flügelspannweite fängt die Mühle den Wind ein und nutzt seine Kraft, um zwei Mahlwerke zu betreiben. Damit können bei gutem Wind bis zu 1,5 Tonnen Getreide am Tag zu Mehl verarbeitet werden.  

Ein Mann mit Brille, rotem Pullover und blauem Schal steht links im Vordergrund, hinter ihm steht eine alte Bockwindmühle
Klaus Henkelmann begann im Herbst 2018 mit der Ausbildung zum Diplom-Windmüller, Foto: Lukas Fischer, 2019

Windmüller*innen müssen also Wind- und Wetterverhältnisse gut einschätzen können, um einen gefahrlosen Betrieb ihrer Mühle sicherzustellen. Daher steht neben Mühlenfachkunde, Getreide- und Holzkunde auch Wetterkunde in ihrem Stundenplan. Sie lernen technische Abläufe wie Hebevorgänge, Mahlen oder Bremsen. Darüber hinaus ist Fingerfertigkeit gefragt, denn Tischlern ist ebenso Teil der Ausbildung wie ein Brotback-Kurs. Im Falle der Britzer Mühle lernen die angehenden Müller*innen auch, all dieses Wissen bei Führungen und Veranstaltungen an Besucher*innen zu vermitteln. Als eine von nur zwei voll funktionsfähigen Mühlen in Berlin lockt die Britzer Mühle viele Besucher*innen, darunter auch viele Kinder, an. Ihnen die Geschichte, den Aufbau und die Funktion der Mühle anschaulich zu erklären, ist ebenfalls Aufgabe des Britzer Müllerei e. V. Dazu werden während der Mühlensaison, von Ende März bis Ende Oktober, regelmäßig Führungen veranstaltet, auch für Schul- und Kitagruppen, bei denen die Kinder mit der Handmühle selbst Korn mahlen und das Mehl zu Brötchen verarbeiten können. Es gibt ein jährliches Britzer Mühlenfest und andere Feste. 

ein Müller mit mehlbestäubter Kleidung trägt einen schweren Sack auf den Schultern, hinter ihm eine hockende Frau und ein kleiner Junge. Die Personen befinden sich vor einer Bockwindmühle, im Hintergrund Bäume
Müller Franz Bensdorff, um 1930, Foto: Privatbesitz Gerald Bost

Heute ist die Britzer Mühle ein voll funktionsfähiges technisches Denkmal. Als sie noch das Mehl für die lokalen Bäcker lieferte, bestand das Müllerhandwerk aus harter Arbeit. Da sich der Wind nicht an den 8-Stunden-Tag der Menschen hält, war ein Arbeitstag im Leben der Müller*innen oft länger. Man musste mahlen, solange es das Wetter erlaubte. Von geregelten Arbeitszeiten oder einem freien Wochenende konnte keine Rede sein. Meistens waren Mühlen, wie auch die Britzer Mühle, Familienbetriebe. Schwere körperliche Arbeit, wie das Schleppen großer Säcke und die Instandhaltung der Mühle gehörten zum Alltag. Müller Bensdorff, einer von verschiedenen Pächtern, die die Mühle in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewirtschafteten, konnte einen 75 kg schweren Mehlsack auf den Schultern tragen. Das Getreide musste in die Mühle gebracht werden und nach dem Mahlen lieferten die Müller das Mehl mit dem Pferdefuhrwerk an die Britzer Bäckereien. 

Wer heute beruflich als Müller oder Müllerin arbeiten möchte, der kann eine Ausbildung als Verfahrenstechnolog*in der Mühlen- und Getreidewirtschaft der Fachrichtung Müllerei machen. Mit diesem Abschluss kann man in Getreidemühlen, Futtermittelwerken oder Spezialmühlen wie Ölmühlen arbeiten. Berliner*innen, die sich für diese Ausbildung entscheiden, haben es jedoch nicht leicht: die einzigen zwei Berufsschulen, die diesen Lehrgang anbieten, liegen in Niedersachsen und Baden-Württemberg.