Weste, Baumwollstoff, um 1990, 60 x 50 cm, Leihgabe Zimmermeisterin Katrin Gänsicke

Symbole, Zünfte & Kluft

Traditionen und Organisationen im Handwerk

An vielen Orten in Deutschland kann man sie sehen: Handwerksgesell*innen in traditioneller Kleidung, die unterwegs sind zu ihrem nächsten Arbeitsort.

Es ist eine jahrhundertealte Tradition, dass Gesellen verschiedenster Gewerke auf Wanderschaft gehen, die sogenannte Walz oder Tippelei. Dies ist eine ganz besondere Reise, die vor allem dazu dient, die Fähigkeiten im eigenen Handwerk in der Ferne weiterzuentwickeln, aber auch, um andere Länder, Menschen und Sitten kennenzulernen.

An der Kluft, der speziellen Kleidung, erkennt man die Menschen, die auf der Walz sind. Dazu gehören ein weißes Hemd (Staude), Weste und Jackett und eine Schlaghose, meist aus Breitkord, sowie ein Hut (Deckel). Das Koppelschloss des Gürtels zeigt das Symbol des Gewerks. Das kann man auch grob an der Kleidung erkennen: so tragen Holzgewerke Schwarz, Metallgewerke Blau, Steingewerke Grau oder Beige, Lebensmittelgewerke das schwarz-weiße Pepita-Muster, farbgebende Gewerke Rot und naturbezogene Gewerke Grün. Wichtige Reisebegleiter sind ein hölzerner Wanderstab (Stenz) mit Windungen, ein Wanderbuch (Fleppe), in dem Arbeitszeugnisse und Stempel festgehalten und so Stationen der Reise dokumentiert werden sowie das Bündel mit der Kleidung, der Charlottenburger. Die sechs Knöpfe auf der Vorderseite der Jacke stehen für die sechs Arbeitstage, die acht Knöpfe der Weste für die Arbeitsstunden am Tag.

weit geschnittene schwarze Stoffhose mit breitem brauen Ledergürtel mit Metallschnalle
Hose mit Gürtel, um 1990, Stoff, Leder, Hosenbeinlänge: 95 cm, Bund: 40 cm; Gürtel: Länge: 92 cm, Breite: 4,5 cm, Leihgabe Zimmermeisterin Katrin Gänsicke

Die Knöpfe der Weste werden mit einem Z-förmigen Stich befestigt und sind oft aus Perlmutt. Ein goldener Ohrring, den der Geselle zu Beginn der Reise bekam, konnte gegebenenfalls die Beerdigung in der Ferne finanzieren.

Ehrbarkeit ist ein hohes Gebot auf der Wanderschaft. Hielt sich früher ein Geselle nicht daran, wurde ihm der Ohrring vom Ohr gerissen, so die Überlieferung. Daraus entwickelte sich der Begriff „Schlitzohr“. Die Wanderschaft unterliegt alten, festen Regeln und Ritualen: so wird eine Bannmeile um den Wohnort gezogen, bei den meisten Gesellenvereinigungen 50 km, die der oder die Wanderende nicht vor Ablauf der gelobten Wanderzeit betreten darf. Die Zeit der Wanderschaft variiert je nach Gesellenvereinigung, es sollen nicht weniger als zwei oder drei Jahre und ein Tag sein. Als Voraussetzung gilt, dass man unter 30 Jahre alt und ledig, kinder- und schuldenlos ist und im Besitz eines Gesellenbriefs.

Auch heute noch führt ein Alt-Geselle oder eine Alt-Gesellin in die Regeln und Rituale ein und begleitet den Neuling ein Stück der Reise. Von den vielen Regeln und Ritualen werden manche erst nach Beginn der Wanderschaft mündlich übermittelt. Für Essen und Schlafen soll kein Geld ausgegeben werden, für die Arbeit soll nicht weniger Lohn genommen werden als ortsüblich (um keine Konkurrenz zu ansässigen Gesell*innen zu sein), die Gesell*innen dürfen kein eigenes Auto haben oder mit der Bahn fahren. Auf der Walz ist man viel zu Fuß unterwegs und versucht, durch Trampen größere Strecken zurückzulegen. Manche Wandergesell*innen gehören sogenannten Schächten an, Vereinigungen von reisenden Gesellen und Gesellinnen, die Unterstützung und Zugehörigkeit bieten. Viele von ihnen lassen auch heute noch keine Frauen zu. Diese waren lange von der Wanderschaft ausgeschlossen, bis sie sich in den 1970er-Jahren dieses Recht zurückeroberten. Viele Gesellen und Gesellinnen sind freireisend unterwegs, das heißt ohne Zugehörigkeit zu einem Schacht. Früher gab es die Pflicht für Gesellen mancher Gewerke, auf die Walz zu gehen. Die Bedingungen und Verbreitung der Wanderschaft änderten sich im Laufe der Zeit immer wieder. So gab es in den 1920er-Jahren besonders viele Wandergesellen, in der DDR dagegen wurde die Wanderschaft verboten.

In der heutigen schnelllebigen, digitalisierten Zeit bietet die Wanderschaft die Möglichkeit, ganz neue Erfahrungen zu machen: ein individuelles Tempo und wenig Planbarkeit, denn oft wissen die Wandergesell*innen nicht, wo sie die nächste Nacht verbringen werden und wo sie als nächstes arbeiten können. Ebenso liegen Erfahrungen von Gastfreundschaft und Solidarität auf dem Weg und ermöglichen Begegnungen, die den eigenen Horizont auf eine Weise verändern, wie das geplante Reisen selten können.